4. Hüttenseminar im Tann zu Tunhovd – Das Camp 2010

Anno 2010 trafen sich vom 24.06. bis 28.06. Roberto,  Stephano, Don Mikele aus Dresden und Sebas zum letzten Mal im Tann zu Tunhovd, um das Camp 2010 zu leben – ganz im Zeichen der Fussball-WM in Südafrika.

Nigeria-Connection

Es gibt sie in vielen Varianten, vorwiegend im virtuellen Netz; wichtig klingende Namen fragen nach deinem Geld, welches auf ein vorgegebenes Konto überwiesen werden soll, um es später – mit einem Aufschlag –  wiederzubekommen. Beim Bezahlen des Autoparkplatzes in Oslo-Gardermoen mit meiner Kreditkarte gab es die übliche Warteschlange. Vor mir, ein feiner Herr mit negriden Gesichtszügen. Er bezahlte, nahm seine Karte – den Passierschein – und ging. Ich tat ihm gleich, bis eine fast unscheinbare Hand nach meiner Kreditkarte im Automaten griff und mich fragte, ob das nicht seine wäre. Der feine Herr im Zwirn lächelte mich an, sah das TNT in meinem Gesicht explodieren und zog die Hand schnellstmöglich wieder zurück. Ein typischer Fall für das (fast) sichere Auftreten der Nigeria-Connection.

Ein Camp, viele Spiele, ein neu aufgelegter Klassiker von 1966, sommerliche Temperaturen rund um Eisloch (der Fjord), Edelfood und multimediales Nomadentum: ein hochinteressanter Mix, der uns alles, aber auch alles abverlangte. Wir reisten, wieder vollbeladen mit unserem Camp-Wagen, von Oslo-Gardermoen Richtung Nesbyen, um dort im einheimischen Supermarkt Schrimps, Wasser und norwegisches Øl zu kaufen; wichtige Zutaten, um unserer internationalen Küche ein wenig lokalen „Touch“ zu geben. Im Supermarkt entdeckte ich eine mir bis dahin gänzlich unbekannte Spezie: der Ølumschichter – ein Mann, im Wahn die perlige Suppe  zu bändigen. Ich fragte ihn, ob er wüßte, wo der Artikel X, also kein Øl, zu finden wäre. Fast lallend, in feinstem Nordnorgisch, kam seine Antwort daher „…er mache nur in Øl, bei den anderen Waren ist er sich nicht sicher.“ Klar, oder?

Gegen 17:00 Uhr wurde dann endlich das Camp aufgeschlosssen, ein sofortiger Test des einäugigen Monsters (TV) auf Satellitenempfang – mit Schwerpunkt Sportkanäle –  vorgenommen und auf Fussball getunt. Vini, fini e comuni…und die Spiele liefen. Das Camp 2010 im Tann zu Tunhovd war eröffnet.

Tunhovd - Das Camp 2010 - Eröffnung Tunhovd - Das Camp 2010 - Stephano und die Leinwand

1. Spieltag, Donnerstag

Am späten Nachmittag kündigte sich die zweite Überraschung in Südafrika ab: Weltmeister Italien verlor sein letztes Gruppenspiel gegen die Slowakei mit 2:3, schied aus und reihte sich damit in die Liga der berühmten aber überbewerten Fussballnationen ein. Les Bleus, die Franzosen, waren schon zwei Tage früher an Südafrika gestolpert und diese Chuzpe wurde national als auch international belächelt, bedauert als auch betrauert. Wie konnte so etwas nur passieren? Das Ausscheiden der Squadra Azzurra – dem Weltmeister von 2006 –  liess dageben nur eine Lächesperre zu, da mit unterirrdisch gespielten Fussball kein Titel zu verteidigen ist.

Tunhovd - Das Camp 2010 - Don Mikele und Sebas Tunhovd - Das Camp 2010 - Roberto beim Boot(en)

Während Don Mikele, Roberto und ich auf der Veranda hähmisch, aber doch nachdenklich über den unrühmlichen Abgang beider Teams nachdachten, ließ Stephano keine Zweifel aufkommen, wie man eine Grille zubereitet. Sorgfälltig wurden alle Zutaten gemischt, auf das Grillrost gelegt, mit Salat, Gurke, Käse und Ketchup dekoriert: Le TunhovdQuarterPounder – ein wahrliches Kraftpaket.

2. Spieltag, Freitag

Tunhovd erwachte – in diesen Nordlagen wird es ja nicht wirklich dunkel -, und die Stadtnomaden bereiteten sich auf den 2. Spieltag im Camp 2010 vor. Mutigen Schrittes wagte sich Roberto als erster in das kühlende (eisige) Nass des Fjordes. So richtiges Beach-Feeling wollte dabei aber nicht aufkommen.

Tunhovd - Das Camp 2010 - Roberto und Sebas am Fjord Tunhovd - Das Camp 2010 - Roberto, Don Mikele und Sebas am Fjord

Der Tag verlief nordisch ruhig – keine Aufregung, keine Termine, nur wenige Telefonate -, Entspannung pur. Kulinarische Wegweiser wurden ebenfalls wieder ausgelegt: ausgenommenene Doraden, mit Rosmarin und Knoblauch gespickt und auf dem Grill zubereitet.

Tunhovd - Das Camp 2010 - Don Mikele an den Doraden Tunhovd - Das Camp 2010 - Roberto und Sebas

Portugal gegen Brasilien (0:0) am Nachmittag. Chile gegen Spanien (1:2) am Abend.

3. Spieltag, Samstag

Uruguay gegen Nord-Korea (2:1) am Nachmittag. USA gegen Ghana (1:2) am Abend.

4. Spieltag, Sonntag: der Klassiker

An diesem Tag stand viel auf dem Spiel, eine Wiederholung des WM-Klassikers von 1966, Deutschland gegen England, welches diesjährig 4:1 für Deutschland endete. Argentinien gegen Mexiko (3:1) am Abend.

Zum Spiel gab es Schweinebraten, zubereitet von Roberto. Kartoffelsalat mit geräucherter Kveite (Heilbutt), zubereitet von Don Mikele.

Bei der schieren Masse an Fussball, sei an dieser Stelle eine fast vollständige Sonette angemerkt, aufgeschrieben von Thomas Gsella:

Wär‘ der Ball zehn kleine runde
Scheiben und die elf ein Mann,
und man spielte Stund‘ um Stunde,
bis der Gegner nicht mehr kann;

wär‘ es klug, je drei der Kleinen
so zu legen, daß der Feind
nicht mehr weiß, wohin mit seinen,
und sein Spiel verloren scheint;

wär‘ der Rasen ganz aus Pappe,
und man brauchte Tisch und Stühle:
Dann wär’s nicht Fußball sondern Mühle.

Abfiff, aber die Spiele gehen weiter, so auch die kommenden Hüttenseminare – nur der Tann  zu Tunhovd wird uns nicht mehr zur Verfügung stehen. In 2011 wechseln wir die Lokation und ziehen, in Norge verbleibend,  Richtung Süden.

Tunhovd - Das Camp 2010 - Roberto, Stephano, Don Mikele und Sebas

Werbung

3. Hüttenseminar im Tann zu Tunhovd

Da geht noch was – feurige Noblesse im Tann zu Tunhovd

Dulce et decorum est pro aestive Tunhovde. – Süss und ehrenvoll ist der Sommer in Tunhovd.

Vom 2.07. bis 6.07.09 trafen sich wieder alte und neue Freunde zum 3. Hüttenseminar im Tann zu Tunhovd; diesmal waren Michi aka Migl aus Basel, Timo, Roberto, Stephano, Turbo und Sebas dabei. Es deutete sich bereits eine Überraschung hinsichtlich des Wetters an: es war heiss, wolkenlos, Licht oder besser Überlicht – raus aus Mitteleuropa, auf nach Norge.

Michi war schon ein paar Tage früher aus Basel angereist, und so machten wir uns gemeinsam daran alle Leckereien in Oslo zu kaufen; kulinarisch sollte es wieder superlativ zugehen – dafür sorgten Hirsch, Tunfisch als auch frischer Dorsch. Wir genossen das Leben bei mir Garten, auf dem Dach der Oper und wahlweise am Strand der Steine in der Paradisbucht.

Neben den üblichen multimedialen Hilfsmitteln wie Projektor, portables Soundsystem, Netbooks und Macs, nahmen wir ebenfalls eine Bauplane mit. Die letzten beiden Seminare waren immer mit Regen verbunden, wir wollten aber eine Erweiterung der Spielzone – die Terrasse musste überdacht werden.

KGPA – Konkret Gute Preis Achmet

Am Tag der Abreise bestellten die beiden Hipster ein Taxi, um nach Oslo-S(entral) zu fahren; zuviel Gepäck, zuviel aber notwendig. Raus aus dem Taxi und schnell einen Gepäckwagen organisiert. Gestapelt und vollgepackt, und es hätte auch gut sein können, dass wir direkt aus Konstantinopel mit Norwegian.no anreissten, um einen Konkret-Gute-Preis-Achmet für neuen Falafelstand in Oslo aufzumachen. Aus dieser Realsatire wurde aber nichts und so ging es direkt nach Oslo-Gardermoen, um das Auto abzuholen und die Jungs aus Berlin zu empfangen.

Tunhovd3_KGPA Tunhovd3_Michi_Auto_Gardermoen

Time is an ocean, but it ends at the shore…

Für uns fing es aber erst an, die Auswahl der beiden Fahrer verlief ohne Probleme, da seit Monaten Michi und Timo darum baten. Michi übernahm die komplette Tour zum Tunhovdfjord. Er fuhr wie ein Getriebener, fast atemlos, und es ging alles sehr schnell. Nur Timo telefonierte die meiste Zeit, Wortfetzen wie „Bundeswehr“ ließen uns manchmal aufhorchen, aber im angehauchten Neoliberalismus ist ja alles möglich, sogar Geschäfte mit der Bundeswehr. Irgendwann wurde ließ auch Timo ab von der Arbeit und auch für ihn konnte es losgehen. Nach fast 3 h waren wir da; vorher ging es noch in den Supermarkt in Nesbyen – unsere Øl-, Wasser- als auch Schrimpsvorräte mussten aufgestockt werden.

Stephano war schon einen Tag vorher angereist und zeltete vor der Hütte mit Blick auf den See und das Feuer. Dabei machte er einige fantastische Tagesaufnahmen vom Tann. Wie das feine Lächeln der Mona Lisa schwebte der Fjord förmlich unter den Wolken.

Tunhovd3_Stephano_ZeltTunhovd3_Fjord1Tunhovd3_Fjord2

Endlich waren wir wieder angekommen und vereint; die Stimmung auf dem Höhepunkt und sogleich wurde das von Stephano angelegte Feuer von Neuem entfacht. Der Hüter des Feuers war zur Stelle und ließ keine Zweifel aufkommen, wer in den nächsten Tagen diesen Nimbus tragen durfte, denn schon nach kurzer Zeit brannte eine stattliche Lohe vor der Hütte.

Anyway…time is an ocean and it starts at the shore of Tunhovd.

Tunhovd3_Tann Tunhovd3_Amigos1 Tunhovd3_Feuer_Haus

Steilvorlagen durch Traumpassspieler

Was war anders? Das Wasser am Strand zu Tunhovd hat sich im Vergleich zu 2008 um mindestens 5 m zurückgezogen. Die Wassertemperatur lag bei angenehmen 20°C, bis ca. 0,5 m unter der Wasseroberfläche; darunter fing dann gleich die arktische Sprungzone an. Die Traumpassspieler aus den Großstädten Mitteleuropas spielten sich die Steilpassvorlagen am Strand – in Form von Schrimpstellern und eisgekühlten Getränken – zu und genossen die Wärme sowie den Kick beim Abauchen in die arktische Sprungzone. Stephano versuchte sich auch gleich wieder im Angeln, er hatte die Hoffnung wahrscheinlich noch nicht aufgegeben, aber es sollte sich zeigen, dass der Fjord zum Angeln mit konventionellen Mitteln nicht geeignet ist. Da geht also noch was für die nächsten Male, soviel ist mal sicher.

Tunhovd3_BootTunhovd3_Beach1Tunhovd3_Stillleben_am_See

Gegen Abend wurde es multimedial im Tann, der Projektor aufgebaut, Kabel verlegt, Boxen hergerichtet, Plätze eingenommen, passende Filmgetränke serviert und Surferfilme gezeigt…Dude.

Tunhovd3_SunsetTunhovd3_Sebas_am_FeuerTunhovd3_Dude

Noch ein Löffelchen Tunhovd

Der nächste Tag zeigte sich von seiner besten Seite: Sonne, Wärme, Natur, Wasser, das Leben im Tann wird zur Insel. Die Internationale der Grossstadtnomaden verbrachte den Tag am See, eingebettet in die Mondäne Tunhovd, ein Ort, geschützt gelegen wie der Nibelungenschatz.

Der Hüter des Feuer hatte es schwer an diesem Tag, da eine Troika – bestehend aus Michi, Turbito und Sebas – anfing am Strand herumliegendes Holz zu stapeln; sie hatten Großes vor und wenig später begannen mannshohe Flammen zu zündeln.

Tunhovd3_Insel Tunhovd3_Steine Tunhovd3_Feuer_Michi

Gegen abend pojizierte der multimediale Durchlauferhitzer wieder cineastische Perlen auf weiße Leinwand – großes Kino eben.

Ist da Mango drin?

Was kann es schöneres geben, als ein kollektives Frühstück unter der Sonne im Tann? Momente der Bauernschläue? Gezielte Sprachverwirrungen? Unser mitgebrachte Mixer zauberte Smoothies und wurde in gelben Gläsern serviert. Scharfsinnig wurde die Frage gestellt, ob da etwa Mango drin ist, denn ein gelbes Glas lässt jeden servierten Smoothie zum Mangomixgetränk werden. Solche Wortsalben taten gut und ließen Raum zum assozieren und sich erinnern wie vielfältig Farbreflexionen auf verschiedene Menschen wirken; so wie auch das folgende Interview mit einem usbekischen Bauern aus den 1920iger Jahren aufzeigt:

Frage: Wo immer Schnee liegt, sind Tiere weiß. In Novaja Zemlya (Russland) liegt immer Schnee. Welche Farbe haben die Bären dort?

Antwort: Ich kenne nur schwarze Bären, und ich rede nicht über Dinge, die ich nicht selbst gesehen habe.

Frage: Ja, aber was legen meine Wort nahe?

Antwort: Wenn jemand nicht dort war, kann er aus den Worten gar nichts schließen.

Zuwenig Fantasie führt in diesem Fall zu Assoziationsschwierigkeiten, zuviel davon und die Fantasie geht spazieren ins Abenteuerland. Im Kollektivsingular wurde der Fragende vollmundig aufgeklärt und Mango war im nächsten Mixgetränk enthalten, trotz gelbem Glas.

Das Strand- und Badeleben ging ebenso weiter an diesem Tag wie unsere kulinarischen Vorlieben. Der Hirsch, schon am Tag vorher aufgetaut, wurde mit Knoblauch gespickt, gesalzen, gepfeffert, mit Cognac übergossen und in mehrere Lagen Alufolie eingewickelt. Die Hüter des Feuers (jetzt wieder) und seine talentierten Assistenten hatten die Lohe im Griff und die Glut vorbereitet – es konnte losgehen. Medial intoniert wurde nach fast drei Stunden – davon, wie sich später herausstellte, war eine Stunde zuviel – der Braten der Glut entrissen und mit Rosmarinkartoffeln sowie Salat serviert. Hirsch, wie Wild im allgemeinen, wird schnell sehr trocken, wenn es zu lange in der Hitze weilt; aber kulinarische Noblesse war es ohnehin.

Tunhovd3_HirschTunhove3_Plane1Tunhovd3_Michi_Turbo

Zwischenzeitlich probten wir den Ernstfall, um uns gegen die ersten, doch sehr heftigen, Regenschauer zu schützen. Es musste sehr schnell gehen. Der nebendran gelegen Holzstapel ließ uns hoffen, ein passendes Gestell aus Holzlatten für unser Vorhaben zu finden, zu basteln, aufzurichten und zu befestigen; anschließend ließen die 60 m² Bauplane keine Zweifel aufkommen: Wir konnten uns im Trockenen wähnen. Timo und Stephano nutzten die Gelegenheit unter der Plane zu posen, wahrlich gelungen…

Tunhovd3_RegenbogenTunhovd3_StephanoTunhovd3_Timo

Ging da noch mehr? Natürlich. Kein Tag ohne Feuer, eine neue Lohe musste wieder am Strand aufgebaut werden. Das Ergebnis war beeindruckend.

Tunhovd3_Feuer_RobertoTunhovd3_Feuer_Roberto_TurboTunhovd3_Feuer2_Roberto_Turbo

Am Set

Der Sonntag sollte der Höhepunkt rund ums das feurige Element im Tann werden. Die letzten beiden Tage waren nur das Präludium für unser Vorhaben. Wir inspizierten die Feuerstelle vom letzten Tag, sie war noch warm, Steine waren durch die enorme Hitze gesprengt und vereinzelte Glutfetzen kohlten vor sich hin. Ein perfektes Set um das Setting aufzubauen, ein neues Feuer. Wir machten uns wieder daran den Strand nach holzigen „Treibgut“ abzusuchen; es war noch reichlich da und in kürzester Zeit wurde ein neuer Turm zu Tunhovd gebaut. Übermannshoch türmte sich das trockenen Holz und leichte Rauchwolken stiegen aus dem Haufen, doch der Funke sprang nicht über. Wir mußten ein wenig nachhelfen und Michis Atem ließ die Glut zur Flamme werden und bald loderte der Turm und riesige Stichflammen stiegen empor. Die enorme Hitzewelle ließ uns instinktiv nach hinten bewegen. Aufkommender Wind spielte wild mit den Flammen, dunkle Rauchschwaden signalierte allen anderen Tunhovdzugereisten (am anderen Ufer), dass am Set etwas passierte. Unnachgiebig verzehrte das Feuer unser Strandgut, Steine platzten in der Glut und nach einiger Zeit fiel der Turm in sich zusammen; ein breiter Glutteppich breitet sich aus. Das ständige Kommentieren des Verlaufs vom Turmfall zu Tunhovd wurde zum emblematischen Symbol unserer feurigen Gigantonamie. Mehr geht nicht, oder etwa doch?

Tunhovd3_am_Set1Tunhvod3_am_Set2Tunhovd3_am_Set3

Es sollte wieder Regen geben und Not macht erfinderisch, aber nicht frei, so heißt es doch so schön. In den vorherigen Tagen hatten wir schon ein wenig das Auf- als auch Abbauen der Regenplane über der Terrasse eingeübt. Dann kam Wind auf, einige zweifelten an der Haltbarkeit unseres Unterfanges, doch wir erkannten schnell, dass Realität ja bekanntlich nichts anderes als unser Vertrauen in sie ist und es kam uns real vertraut vor.

Tunhovd3_unter_der_Plane Tunhovd3_Plane2

Geht da noch mehr?

…das werden wir 2010 sehen, im Jahr der Fussball-WM in Südafrika.

Tunhov3_Wir

2. Hüttenseminar im Tann zu Tunhovd

Impossibilities are good
Not to attach that label to;
Since, correctly understood,
if we wanted to, we would
be able to be able to (by Piet Hein, Grooks III, 1970)

Glamourama am Tunhovdfjord

Vom 31.07. bis zum 04.08.08 trafen sich alte und neue Freunde zum 2.Hüttenseminar. Dabei waren Sebas, Timo, Roberto, Turbo, Michi und Stephan. Wie immer, alle nachfolgenden in Klammern vorliegenden Texte sind Kommentare von Turbito im Rahmen eines gemischten Doppels.

Die Fahrt zur Hütte wurde auf Donnerstag Vormittag angesetzt, um einen zusätzlichen Tag zu gewinnen. Stephan schlug sein Zelt schon am Mittwoch an der Hütte auf, da er mit seinem Motorrad von Deutschland über Schweden angereist war; er war die ganze Zeit „on the road“. Zu fünft machen wir uns also von Oslo-Gardermoen auf den Weg. [Vor Fahrtantritt wurden die ersten Hülsen gelehrt, schlaucht ja auch ganz schön, so ein 100 Minuten-Flug. Da die Wahl des Gefährtes dieses Mal eine Nummer kleiner ausfiel, war der Ritt zum Fjord nicht ganz so komfortabel wie im Jahr davor … ein Grund mehr, sich mit den erstaunlich schnell zur Neige gehenden Biereinkäufen die Fahrt etwas angenehmer zu gestalten.]

Strahlender Sonnenschein war unser ständiger Begleiter. Timo hatte sich auch sofort bereit erklärt, Fahreratze für die gesamte Tour zu spielen. Wie immer an dieser Stelle – Respekt, 4 h Fahrt in Norge sind nicht einfach. [Den Dank möchte ich wiederholen, thumbs up ! ]

Natürlich sollten unsere kulinarischen sowie multi-medialen Vorlieben auch dieses Mal nicht zu kurz kommen, so hatte ich in Oslo 3 kg Elch gekauft und einen Projektor von meiner Firma mitgebracht – Glamourama am Fjord, so wollten wir es. Während der Fahrt entwickelten sich Michi, Turbo und Sebas zu echten Biervernichtungsmaschinen. Der Hopfensaft lief in Strömen, [… Wer hätte das gedacht ! So schnell wie die Brühe in den gierigen Schlund lief, hätten wir sie gar nicht nachkaufen können; nächstes Mal muß die Hinfahrt mit in die Planung für die Getränkeliste einbezogen werden.] endlos waren die Gespräche, vielfaches Kopfschütteln beim Fahrer über die Themenauswahl. [Echt, wir hatten wirklich irgendwelche Themen ??? ]

Nur Roberto wurde von Morpheus umarmt und schlief fest an der Schulter von Michi. In Nesbyen angekommen, fuhren wir an den dortigen Einkaufsmarkt heran und kauften Verpflegung für die nächsten Tage. In den Augen meiner Freunde konnte ich das Entsetzen über die hiesigen Preise sehen, ohne daß sie auch nur mit dem Finger darauf zeigten. Nach anfänglichem Zögern wurde der Wagen aber bis oben vollgepackt. Hoch oben auf dem „hohen Wagen“ kamen noch 2 Forellen und 3 kg Schrimps. Sogar beim Bier konnten wir uns einigen – das dänische Tuborg bekam den Vorzug gegenüber den meisten norwegischen „Badreinigern“. [Den Geschmack vom üblichen Norge-Bräu habe ich noch vom letzten Jahr in Erinnerung – auch nach dem dritten Liter ungenießbar ! ]

Roberto war in der Zwischenzeit auch aufgewacht. Unser Auto wurde bis zum Äußersten vollgepackt und wir machten uns auf den Weg, die letzten 30 km bis zur Hütte zu fahren. An der Hütte angekommen, sahen wir schon die “Triumph” von Stephan stehen. Glücklich vereint konnte das 2.Hüttenseminar endlich losgehen. [Nachtlager zuteilen, Gepäck umräumen und nicht zu vergessen: weiteren Raubbau an den Ølreserven zu betreiben – *Schulz !* ]

In den nächsten Tagen sollte unsere Welt einem riesigen Open-Air-Kasino gleichen, das durch vier Gesetze gesteuert wird, die sich Franz Kafka ausgedacht haben könnte:

  1. Es ist unmöglich, gegen den Wettergott in Norge zu gewinnen.
  2. Es ist unmöglich, seinen Einsatz zu bewahren, alles muss raus oder rein.
  3. Es herrscht Spiel- und Redezwang.
  4. *Schulz !*

Endlich sahen wir auch den Unterschied zum letzten Jahr, wo der Fjord soviel Wasser führte, dass der Strand nicht mehr erkennbar war. [Nun ja, nicht wirklich Strand im herkömmlichen Sinne, also wie in “The beach”, aber doch immerhin knapp 2 Meter grobkieselige Uferfläche … ein echter Bonus ! Ein weiteres Plus war die Wassertemperatur, die letztes Jahr bei 13°C lag und beim Betreten des Gewässers die magische Grenze auf Höhe des Pillemanns nur zögerlich überwinden lies; letztens dürften es um die 18°C gewesen sein … also schon weitaus angenehmer und selbst bei bedecktem Himmel noch zum Plantschen einladend.] So saßen wir am Strand, aßen Schrimps auf Brot mit Majonaise und Dill, ließen Getränke rotieren, welche ideal zum Strandleben passten und versuchten, mit kleinen Steinen den Fjord zu füllen, eine wahnwitzige Idee, welche aber mehrere Stunden andauerte.

Der “Hüter des Feuers” machte sich später ans Werk und fing wieder klein an, doch schon bald loderte ein riesiges Feuer vor der Hütte. Schnell wurden auch zwei Bäume ausgemacht, wo die Leinwand für das Waldkino aufgespannt wurde. Ebenfalls, als wenn es genau dafür gebaut wurde, fanden wir eine Möglichkeit,  den Projektor zu positionieren, um das perfekte Bild zu erzeugen. Kabel wurden verlegt, Stecker wurden zurechtgeschnitten [Remember: “Strom is unter‘m Tisch !”] Boxen aufgestellt und die Frage nach der Wahl des Filmes ins Spiel gebracht. Einige wagten sich vor und plädierten für die Auferstehung der 60iger Jahre. Andere priesen eine Milieustudie aus dem Raum Würzburg an mit 2 Restaurantbesitzern, welche sich erfolgreich im Buiz behaupten. Diese Auswahl überzeugte alle und so konnte es losgehen – Waldkino am Tunhovdfjord. [Die Idee und deren Ausführung waren echt perfekt ! Da hatte selbst der nordische Wettergott keine Einwände … ich denke mal, der saß mit auf der Veranda und dachte sich “Habta jut jemacht !” … zumindest für den nächsten Tag konnte man darauf schließen, denn da zeigte sich der Herr von seiner besten Seite.]

Into the Dojo

Der nächste Tag brachte viel Sonne und wir fanden unseren Weg zum Strand…into the Dojo…unserer Versenkungs-Halle am Fjord… [… Wozu sollte ein Dojo mit Mauern umgeben sein – “Offene Weite, …”]

Zeit der Erweckung, [… oder doch nur ein genüßliches Abmatten am Ufer ? Irgendwie beides.]

Zeit der Träume, Zeit zum Genießen, Zeit nicht zu verwechseln mit Zeitverschwendung.

[… „Ich wünsche Dir Zeit –
nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, sie möge Dir übrigbleiben
als Zeit für das Staunen
und Zeit für Vertraun‘ ,
anstatt nach der Zeit
auf der Uhr nur zu schaun.“] (Auszug, Autor (mir) unbekannt)

Der Hüter des Feuers konnte die Finger vom Zündeln nicht lassen und die Lohe erwachte schon früh am Morgen und sollte bis zum späten Abend nicht ausgehen. Wie soll man diesen Tag beschreiben? Kann es etwas Schöneres geben, als einen Text zu nehmen, sich an die Musik erinnern und einfach sein, ganz einfach sein mit dem Tag am Fjord…

…denn du spürst das Gras
hier und da bewegt sich was
es macht Dir Spass
nein es ist nicht nur das
denn nach dem öffnen aller Türen
steht am Ende der Trick des Endes
der Suche durch das Finden im Augenblick
Du atmest ein Du atmest aus
dieser Körper ist Dein Haus
darin kennst Du Dich aus
Du lebst
Du bist am Leben
und das wird Dir bewußt
ohne nachzudenken
nur aufgrund der eigenen Lebenslust
das Gefühl das Du fühlst
sagt Dir es ist soweit
es ändern sich Zustand
der Raum und die Zeit
der Verstand kehrt zurück
doch Du setzt ihn nicht ein
jeder Schritt neues Land
wird das immer so sein?
Du spürst die Lebensenergie
die durch Dich durchfließt
das Leben wie noch nie in Harmonie und genießt
es gibt nichts zu verbessern
nichts, was noch besser wär
außer Dir im Jetzt und Hier
und dem Tag am Fjord
und dem Tag am Fjord…(Fantastischen Vier – Der Tag am Meer)

[ … Sahen einen Vogel in Ufernähe …
sahen einen Falter umherschwirren …
sahen, wie sich deren Wege kreuzten …
sahen die Vereinigung der beiden –
blieben Eins.
Der Vogel wird seine Mahlzeit verdaut haben …
und WIR ?! ]

Die Auswahl des Filmes für das abendliche Waldkino war nicht schwer. Wir mussten keine Münze werfen, wie es der überzeugende, durchgeknallte Protagonist im Film tat. Falls ihr später in eine Situation kommen solltet, wo Euch jemand in ein Gespräch verwickelt und dann eine Münze zieht und gleichgültig „Call it!“ sagt, dann seid vorsichtig in der Wahl von Kopf oder Zahl. Der Film schreddert und fetzt, es stinkt, strömt, schwallt und ergießt sich, spritzt und penetriert – raus aus der Versenkung. Aufbauend auf dem Buch von Cormac McCarthy lässt sich nur sagen, dass die Grundlage wohl an einem Morgen entstanden sein muss, wo der Autor aus unruhigen Träumen aufwachte, um festzustellen, Franz Kafka zu sein. Das mag schlimm sein, aber große Kunst entsteht dadurch in jedem Fall.

[Ganz böser Streifen, vor allem der Haarschnitt der Hauptfigur bereitete Albträume. Und: werfen wir nicht ständig in Gedanken unsere Münzen, um eine Entscheidung herbeizuführen ? Kopf oder Zahl – linker oder rechter Weg – Mahlzeit verdaut ? ]

Elchtest und White Hawk Down

Der nächste Tag war durchwachsen. Mal regnete es, dann wieder Sonnenschein, dann wieder Regen, noch mehr Regen, wie der norwegische Wetterdienst es angekündigt hatte. Gegen späten Nachmittag war auch das Elchpaket aufgetaut. Mariniert mit Wacholder, Rosmarin, Knoblauch, Lorbeer, Grov-Sennep (der beste Senf kommt wirklich aus Norge) und den anderen “üblichen Verdächtigen” wurde das Paket in mehrere Lagen Alufolie eingewickelt und der Glut übergeben. Zwischenzeitlich kamen Michi und Timo vom Einkauf wieder, es musste mehr Øl und Wasser herangeschafft werden. Des Weiteren erstand Timo seinen ersten Heli, komplett ferngesteuert, ganz in Weiß – Männerspielzeug im Tann. So wurde die Terrasse kurzum in eine Start-und Landezone umfunktioniert, von der aus der “White Hawk” zu Erkundungsflügen in das umliegende Feindesland aufbrach, vielmehr aufbrechen sollte, denn es geschah alles ganz anders. Der “White Hawk” hob von der Terrasse ab und steuerte ziellos umher. Nach wenigen Minuten geschah das Unerwartete: White Hawk down, White Hawk down, I repeat White Hawk Down !!! Die mangelnde Erfahrung des Piloten mit seinem neuen Fluggerät lies den Heli in sein Verderben stürzen, direkt ins Zentrum des von von ihm am Lodern gehaltenen Feuers.

Die schnelle Eingreiftruppe konnte Schlimmeres verhindern und so wurde aus dem weißen Falken ein angebrannter Falke, der aber immer noch flog, etwas mehr „Trimming“ war aber schon nötig.

Stephan kam nach zwei Stunden vom angeln, oder eher warten, in voller Motorradmontur, vom Fjord wieder. Wieder nichts gefangen, wie auch, denn so klar das Wasser auch ist, Leben scheint sich nur oberhalb des Fjords abzuspielen. Ein Angler mehr, der sich überzeugen lassen mußte, daß es sich beim Tunhovdfjord um das toteste Gewässer jenseits des Polarkreises handelt.

Nach knapp drei Stunden mit aufwendigen „heißen“ Wendemanövern war es soweit, der Elch konnte getestet werden; serviert mit Rosmarin-Kartoffeln, Preiselbeeren und Salat wurde die Küche zum Viel-Sterne Restaurant erklärt. Alles war arrangiert, alles war da, die kurzzeitige Stille am Tisch (über)zeugte vom großen Geschmack des Wildes. Wir waren uns einig, dass low-budget cooking etwas ganz Wunderbares ist.

Strandglamourama

Wetter wie aus dem Bilderbuch vom Herbst; Regen, Regen und ein wenig Regen … hin und wieder kurz die Sonne. Nachdem der Regen am Nachmittag gänzlich nachließ, machten wir eine kleine Wanderung entlang der Westseite des Fjordes. Überall waren Spuren vom letztjährigen Hochwasser zu sehen, abgeknickte Bäume, angeschwemmtes Treibgut, weggerissene Ufer. [Das hatte schon was Urtümliches, Wildes an sich, ganz wie es sich für einen Flecken Natur gehört, der noch nicht begradigt, umzäunt und betoniert wurde … wahrhaft schönes Nordland !]

Dann sahen wir ihn, den Ausweichdrehort für den Film „The Beach“, idyllisch gelegen am Tunhovdfjord. Nach unbestätigten und sehr inoffiziellen Berichten zufolge, sollte hier gedreht werden, falls es Probleme in Thailand geben sollte. Was für Probleme eigentlich? Aber wie gesagt, alles sehr inoffiziell. Vielleicht wird ja irgendwann der Nachfolger mit dem Titel “Call it ! – To the beach ?“ hier abgedreht. [Ja, da lag er nun vor uns, der “Strand” , unberührt, ohne Liegestühle und die platzhaltenden Handtücher sonnenhungriger Touristen … ein echtes Kleinod.

Aber auch in dessen Nähe waren bereits Spuren menschlicher Eingriffe zu sehen… wahrscheinlich signalisieren diese Kerben dem schriftunkundigen Wanderer, er ist nur noch 2 Schritte vom Paradies entfernt. …. Oder hatte sich da ein Angler die Zeit vertrieben ? – “Ich reib’ mir jetzt die Fingernägel solange an dem Stein, bis einer anbeißt !” ]

Stephan zeigte sich auch von seiner besten Seite, um als Geheimtipp für die Besetzung gehandelt zu werden. [Also wenn das mal nicht das Ebenbild eines echten Nordmannes ist ! Schon deshalb keine Diskussionen über die Vergabe der Hauptrolle.]

Der Rest der Crew war noch sehr skeptisch über den Drehort. Michi machten die Größe der Kieselsteine Sorgen, Roberto und Sebas gingen jeder für sich in Gedanken das Drehbuch durch, Turbo scannte den Platz mit seiner Handkamera. [Jeder war mit seiner Arbeit beschäftigt, jeder wußte, hier wird Filmgeschichte geschrieben werden; keine Frage mehr nach dem Ob, nur noch über das Wann mußte sich geeinigt werden. Also kündigten alle Seminarteilnehmer kurzerhand ihre Jobs und beschäftigen sich derzeit fieberhaft mit der Umsetzung des Machwerkes. Geplanter Drehtermin: nächstes Jahr um etwa die gleiche Zeit.]

Stephan stellten sich keine Fragen, er überzeugte als gestrandeter Haudegen der Meere. Wo war eigentlich Timo? Er kümmerte sich bereits von der Hütte aus um die Boote für alle wichtigen Anlandungsszenen. [Timo wußte auch ohne Sichtung des Drehortes über alles Bescheid, es galt viel zu organisieren. Alle möglichen Leute mußten kontaktiert werden: Firmen für die obligatorischen Handwerksarbeiten, Setaufbau, catering, usw. Auch die Behörden wollen informiert sein. Das Drehgelände soll vor neugierigen Augen geschützt werden. Und und und. Ein Haufen Arbeit, der von ihm im Seminarraum in Angriff genommen wurde.]

Kulinarisch waren wir ebenfalls wieder in Höchstform. Gegrillte orientalische Hackfleischspieße und Forelle im Lauchbett setzen noch das I-Tüpfelchen auf die inoffizielle Tunhovd-Michellin-Liste drauf. [Macht eben hungrig, so eine Planung für ein Meisterwerk und der kann nur mit meisterhafter Nahrung gestillt werden.]

Cinematografisch zeigten wir einen großen Klassiker der Filmgeschichte, wo sich Männer mal so richtig verhauen – einfach so, oder weil die anderen es auch machen … wer weiß das schon genau. [“…I was the warm little center that the life of this world crowded around…“ – O-Ton des Erzählers.]

Tag 5 – Scheiden tut (nicht) weh

[Zeitig aufstehen, frühstücken, Sachen packen, alles im Seminar-Mobil verstauen und ohne die übliche Säuberung (an dieser Stelle noch einmal besten Dank an Stephan, der noch einen Tag blieb) das Areal verlassen … mit dem guten Gefühl, ein paar wunderbare Tage erlebt zu haben. To be continued …]